Waagenfabrik Spies am Kaisergarten Siegen

1882 verlegte Andreas Spies die über Jahrhunderte in der Siegener Oberstadt ansässige Waagenfabrik auf das Gelände der heutigen Firma Eisen Muscheid, direkt gegenüber dem Kaisergarten gelegen. Das Unternehmen entwickelte sich unter der späteren Leitung von Friedrich Spies zu einer der größten Waagenfabriken Deutschlands. An dem neuen Standort wurden in den ersten Jahren vorwiegend Waggon-, Fuhrwerks-, Kaufgewichts- und Kranwaagen gebaut, die schwerpunktmäßig im Siegerland und im Rheinland regen Absatz fanden. Um unabhängiger von Zuliefern zu sein, kam 1897 ein eigener Gießereibereich hinzu. 1902 wandelte der Firmeninhaber Friedrich Spies das Unternehmen in eine GmbH um. Damit ging eine Erweiterung der Produktpalette einher. Von nun an verließen vermehrt automatische Waagen das Werk.

Insbesondere wegen der hohen Qualität fanden die automatischen Waagen regen Absatz. Zudem belieferte Spies den Markt mit Waggonwaagen mit oder ohne Gleisunterbrechung in allen Größen, und zwar mit einer Wiegefähigkeit von bis zu 15 t. Fast in allen großen Gruben, Hüttenwerken und Fabrikanlagen kamen die automatischen Waagen von Spies zum Einsatz. Für das Eisen-Hüttenwesen konstruierte Spies spezielle Erzzubringerwagen. Dabei handelte es sich um schwere, elektrisch fahrbare Wagen mit eingebauter Wiegeeinrichtung, die es ermöglichten, die Hochöfen vereinfacht mit Rohstoffen zu versorgen.

1915 übernahm die Siegener Spies GmbH die in Görlitz ansässige Firma Schmitz & Pöschel (Geldschrank-, Maschinen- und Brückenwaagenbau), die sich u. a. auf die Herstellung von Materialprüfungsmaschinen spezialisiert hatte und über jahrzehntelanges Wissen auf diesem Gebiet verfügte. Unter Fortführung der bisherigen Produktpalette stellte Spies nunmehr auch modernste Materialprüfungsmaschinen her, die teilweise schon mit selbsttätigen Anzeigen statt der bis dahin noch vorherrschenden „Meßdosen“ ausgestattet waren. Eine Innovation auf diesem Gebiet.

Außerdem verließen von nun an Federprüfungsmaschinen, Seil- und Kettenprüfungsmaschinen jeder Art und Größe, Kugeldruckmaschinen, Pendelschlagwerke und Baumaterialprüfungsmaschinen das Werk. Mitte der 1930er stellte Spies vornehmlich Waggon-Waagen, Förderband-Waagen, automatische Waagen für Schachtanlagen, Kokereien, Hochöfen, Walzwerksanlagen und Kesselhäuser sowie Meß- und Wiegevorrichtungen her. Während des Zweiten Weltkriegs stellte die Firma, wie der überwiegende Teil aller Siegener Unternehmen, die Produktion auf Rüstungsgüter um. 1939 belief sich das Stammkapital der Spies GmbH auf 365.000 RM. Der Vertrieb erfolgte u. a. über die Berliner Firma Preuß & Bergloh. Aus Geheimhaltungsgründen hatte die Firma ab 1941 das Fertigungskennzeichen „avw“ zu verwenden. Unterlagen aus der direkten Nachkriegszeit belegen, dass Spies während des Krieges vier russische Arbeitskräfte beschäftigte, die im Mannschafts-Stammlager in Kaan-Marienborn untergebracht waren. Zur Belegschaft zählten zudem zwei Ukrainer, die Jahrgang 1926 waren, und zwei Franzosen, die 1943 nach ihrem Heimaturlaub nicht zurückgekehrt waren.

Die Gebäude der Waagenfabrik Spies wurden durch wiederholte Kriegseinwirkungen schwer beschädigt. Luftbilder vom März 1945 zeigen, dass die Fabrik bis auf die Grundmauern zerstört war. Die Firma begab sich schnell daran, die schwersten Schäden zu beheben. Am 14. Dezember 1945 beantragte Spies beim Regierungspräsidenten in Arnsberg die Genehmigung, die Werkhallen zur Aufnahme der Produktion von Waagen und Präzisionsteilen wieder instand setzen zu dürfen. Die dafür erforderlichen Maßnahmen habe man bereits eingeleitet, so dass umgehend mit den Bauarbeiten begonnen werden könne. Die Firma Eisenhochbau aus Geisweid hatte die notdürftige Instandsetzung der Eisenkonstruktion für die Hochbauten übernommen. Die ersten Bauarbeiten führte die direkt neben dem Betrieb ansässige Firma Walter Klein unter Ausnutzung aller brauchbaren und gesammelten Materialien durch.

Nach den Plänen des Architekten Wilhelm Manderbach sollte der Wiederaufbau des Werkes in drei Phasen erfolgen und etwa sechs Monate in Anspruch nehmen. Die Gesamtkosten bezifferte er mit 95.600 Mark. Dabei ging es ausschließlich um die Wiederherstellung der Produktionshallen. Der architektonische Ausbau der Straßenfront hingegen sollte entsprechend der Richtlinien des Bauamtes erst später erfolgen. Die Dringlichkeit der Baumaßnahme begründete Spies damit, dass das Unternehmen auf Befehl des Oberkommandos der Alliierten Streitkräfte vom Reichsbahn-Zentralamt in Göttingen umfangreiche Lieferaufträge auf Großwaagen und Spezialprüfstände erhalten habe. Ebenso müsse die Firma für den Kohlebergbau sofort mit der Anfertigung von Großwaagen, automatischen Wäägemaschinen und deren Verladeaggregate beginnen, um die Funktion der Zechen und Treibstoffwerke sicherzustellen.

So sei die Firma Spies als einzige Großwaagenfabrik in Westfalen zusammen mit einem Werk im Rheinland dazu in der Lage, die aufgetretenen Schäden zu beheben und Neuanlagen zu liefern. Der Zustand der durch Fliegerangriffe stark mit genommenen Betriebsgebäude gestatte die Durchführung dieser Aufgabe jedoch nur in beschränktem Maße. Weiter führte Spies aus, dass Vorräte, Ersatzteillager, Zeichnungsarchiv und der Maschinenpark den Krieg unbeschadet überstanden haben. Geschulte Kräfte hatten zu diesem Zeitpunkt bereits in einer behelfsmäßig eingerichteten Werkstätte die Produktion aufgenommen, doch wurde mehr Raum benötigt, um den notwendigsten Erfordernissen der Reichsbahn, des Bergbaus der Energieversorgung und des Ernährungssektors nachzukommen. Aus der Aufstellung der Gebäudeschäden ergab sich die Notwendigkeit, aus den Teilen der beschädigten Hallen mit verhältnismäßig geringem zusätzlichen Material etwa 2.300 qm Arbeitsraum zu schaffen. Trotz der Dringlichkeit und der Aufträge der Alliierten ließ die Genehmigung zunächst auf sich warten.

Bis Juni 1946 waren die erforderlichen Genehmigungen noch immer nicht erteilt. Mit Schreiben vom 04.06.1946 brachte Spies die Angelegenheit bei der Militärregierung unter Verweis darauf, dass sie zur Reichsbahn-Spezialfirma für Reichsbahn-Einheits-Gleiswagen, Großneigungswaagen für Güterabfertigungen, Prüfstände für D-Zug-Wagenoberkästen, Prüfstände für Drehgestelle von D-Zug-Wagen, Lokomotiv-Raddruck-Wägemaschinen einschließlich Instandsetzungsarbeiten ernannt wurde, zum wiederholten Male in Erinnerung. Außerdem machte Spies darauf aufmerksam, dass es die Alliierten selbst waren, die das Siegener Unternehmen als Hauptlieferant für den Kohlenbergbau benannt hatten. Im Übrigen befürwortete auch die Industrie und Handelskammer die Genehmigung zum Wiederaufbau, ebenso die Reichsbahn. Die erforderliche Genehmigung dürfte danach relativ zeitnah erfolgt sein. Luftbilder vom Oktober 1947 belegen, dass die Instandsetzungsarbeiten zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig abgeschlossen waren. Auch wirtschaftlich scheint sich die Firma von den Kriegseinwirkungen schnell erholt zu haben, wie die Baumaßnahmen der Folgejahre belegen. So ließ Spies 1949 ein neues Pförtnergebäude mit Aborten und Unterstellraum für Fahrräder errichten. Wegen starker Beanspruchung bestand 1955 die Notwendigkeit, die technischen Büros zu erweitern und das Werkstattgebäude umzubauen.

1966 siedelte sich die 1952 von Wilhelm Muscheid gegründete Eisen- und Stahlhandlung auf dem Gelände der ehemaligen Waagenfabrik Spies an. In den darauffolgenden Jahren wurden für den Bereich Sanitär- und Heizungsgroßhandel eine Vielzahl neuer Lagerhallen, Ausstellungs- und Büroräume geschaffen. Muscheid war das erste Ausstellungshaus für komplette Küchen, Badezimmer und Heizungsanlagen im Siegerland.

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Das Gelände der Firma Eisen Muscheid im Winter 2014, fotografiert aus dem Bürogebäude der Kaisergartens in Siegen.